Ein Videointerview warnt vor dem Zusammenbruch der Weltwirtschaft. Vieles darin ist zugespitzt, einiges belegbar. Eine Einordnung von Nico Stino.
Ein Chip, der in Taiwan entsteht, braucht Quarz aus North Carolina, Silizium aus China und Helium aus Katar. Fällt eines dieser Glieder aus, steht die Fabrik still. Genau davon handelt ein Interview, das unter dem Titel «War Expert WARNS: This Is Worse Than Nuclear» kursiert. Der Gast, ein Analyst für Geopolitik und Kriegsführung, entwirft darin ein düsteres Szenario. Der Krieg im Iran könnte die globalisierte Wirtschaft nicht nur stören, sondern auseinanderreissen.
Man muss seine Prognosen nicht teilen, um die Ausgangslage ernst zu nehmen. Sie ist real.
Die Ausgangslage: ein Krieg mit Ansage
Die USA und Israel griffen den Iran am 28. Februar 2026 an. Danach kam es in über einem Dutzend Ländern des Nahen Ostens zu Kampfhandlungen, meist durch Drohnen- und Raketenbeschuss aus dem Iran. Die Strasse von Hormus rückte ins Zentrum. Iran sperrte sie für Durchfahrten und schwächte damit die Weltwirtschaft.
Wie stark sie zu treffen ist, zeigen die Zahlen. Durch die Meerenge fliesst normalerweise rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls. Nach den ersten Angriffen auf Tanker brach der Verkehr ein. Am 2. März passierten nur noch zwei Tanker die Strasse, während der Wochendurchschnitt des Vorjahres bei 72 bis über 90 Schiffen pro Tag gelegen hatte. Der Ölpreis der Sorte Brent stieg über 105 Dollar pro Fass.
Der Konflikt verlief seither in Wellen. Am 6. April vereinbarten beide Seiten eine Waffenruhe, die mehrfach gebrochen wurde. Am 17. Juni folgte eine Absichtserklärung mit 14 Punkten. Anfang Juli brach die Waffenruhe zusammen, nachdem Iran Handelsschiffe in der Meerenge angegriffen hatte, um seinen Souveränitätsanspruch zu unterstreichen. Seither fliegen die USA wieder täglich Angriffe. Die Lage ist also nicht mehr die eines kurzen Schlagabtauschs, sondern die eines Abnutzungskriegs.
Die These: Die Welt hängt an wenigen dünnen Fäden
Der Kern der Argumentation lautet: Moderne Technik und moderne Ernährung funktionieren nur, solange alle Staaten miteinander handeln. Der Experte belegt das an drei Beispielen.
Halbleiter. China liefert einen Grossteil des Siliziums und der Seltenen Erden. Das ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass die Abhängigkeit in beide Richtungen läuft. China braucht Helium, um Halbleiter zu kühlen, und muss es importieren. Ein grosser Teil des weltweiten Heliums stammt aus Katar, das seine Exporte durch die Strasse von Hormus verschiffen muss. Hinzu kommt Spruce Pine, ein Ort in North Carolina, dessen Minen extrem reinen Quarz liefern. Dieser Quarz ist für die Tiegel unverzichtbar, in denen Silizium-Einkristalle gezogen werden. Fällt er aus, gerät die gesamte Chipindustrie ins Stocken. Das zeigte sich bereits 2024, als ein Hurrikan die Region traf und die Branche kurz nervös wurde.
Nahrung. Die Landwirtschaft des Südens hängt am Dünger des Nordens. Ammoniak, der Grundstoff der meisten Stickstoffdünger, wird vor allem in Nordamerika, Europa, Russland und China produziert. Afrika, der Nahe Osten und Südamerika importieren einen Grossteil. Auch der Golf ist ein wichtiger Düngerlieferant, weshalb die Blockade von Hormus die Lage verschärft. Der Experte fasst es so zusammen: Im Krieg verliert der Norden sein Smartphone, der Süden verliert sein Brot.
Wasser. Nicht Öl, sondern Wasser sei der Konfliktstoff der nächsten zwanzig Jahre. Er verweist auf den Colorado River, um den sich Kalifornien, Arizona und Colorado streiten, auf die Spannungen zwischen Indien und China um Flusssysteme und auf den Nahen Osten insgesamt. Wasserknappheit ist tatsächlich ein anerkannter Risikofaktor, auch wenn sie selten allein einen Krieg auslöst. Meist verstärkt sie bestehende Gegensätze.
Der demografische Kurzschluss
Der zweite Teil der Argumentation ist der umstrittenste. Afrika und der Nahe Osten haben die höchsten Geburtenraten, Europa, Japan und Nordamerika altern am schnellsten. Wer jung ist und in einer Krisenregion lebt, wandert ab, und Europa braucht Pflegekräfte.
Der Experte folgert: Politisch mag Europa nach rechts rücken und die Grenzen schliessen wollen. Er nennt die AfD, Vox, Reform UK und die MAGA-Bewegung. Ökonomisch bleibe ihm aber nichts anderes übrig, als Arbeitskräfte hereinzulassen. Roboter könnten die Lücke füllen, doch sie brauchen Kupfer, Lithium, Silizium und Seltene Erden aus fernen Ländern. Bricht die Lieferkette, so seine Rechnung, sind Menschen billiger als Maschinen. Der Konflikt zwischen Zuwanderern und Einheimischen wäre damit programmiert, im schlimmsten Fall bis hin zu Bürgerkrieg und Revolution.
Diese Kette ist logisch gebaut, aber jedes Glied ist angreifbar. Migration folgt nicht nur Geburtenraten, sondern auch Konflikten, Klima und Arbeitsmärkten. Roboter brauchen zwar Rohstoffe, doch ein Rückgang der Chipproduktion würde auch Pflegeroboter verteuern und nicht zwingend Migration erzwingen. Die Zuspitzung zum «Bürgerkrieg» gehört ins Reich der Warnung, nicht der Prognose.
Das Szenario: Iran spielt auf Unsicherheit
Der Analyst betont, er wolle keine Prognose abgeben. Er beschreibt eine Möglichkeit. Iran kontrolliere die Strasse von Hormus, die Huthi das Rote Meer, die Hisbollah bedrohe den Suezkanal, schiitische Milizen den Mittelmeerraum. Wenn diese Akteure gleichzeitig und scheinbar willkürlich zuschlagen, so seine Überlegung, genüge das Chaos allein. Der Welthandel lebe von Vertrauen, und dieses Vertrauen wiederum von Versicherungen. Kein Versicherer deckt Schiffe, wenn keine Seite die Lage kontrolliert. Ohne Versicherung fahren die Schiffe nicht.
Das ist der stärkste Gedanke des Interviews, und er lässt sich belegen: Bereits im März reichten Angriffe auf einzelne Schiffe, um den Verkehr fast zum Erliegen zu bringen, noch bevor die Meerenge physisch gesperrt war. Auch aktuelle Meldungen deuten auf diese Form der Zermürbung hin. Ende August wurden bei einem Angriff auf ein Schiff in der Strasse von Hormus zwei philippinische Seeleute getötet, und Irans Sicherheitschef kündigte eine «neue Strategie» an.
Die heikelste Behauptung: «Schlimmer als eine Atombombe»
Als Antwort der USA sieht der Experte Schläge gegen die zivile Infrastruktur Irans: Kraftwerke und Meerwasserentsalzungsanlagen. Ohne Strom fielen in Teheran mit rund zehn Millionen Einwohnern die Kühlketten aus, es drohe eine Hungersnot. Deshalb der Titel, dieser Weg sei schlimmer als der Einsatz einer Atomwaffe. Er glaubt auch, Washington werde dazu «gezwungen» sein, weil ein Rückzug das Bild der militärischen Unbesiegbarkeit zerstöre, auf dem das Petrodollar-System ruhe.
Hier ist Vorsicht geboten, aus drei Gründen.
Erstens ist «schlimmer als Atom» eine rhetorische Zuspitzung. Eine Atombombe tötet sofort und in grosser Zahl, ein Stromausfall wirkt langsamer und lässt sich unter Umständen abfedern. Die humanitären Folgen wären dennoch gravierend.
Zweitens verbietet das humanitäre Völkerrecht Angriffe auf Anlagen, die für das Überleben der Zivilbevölkerung unentbehrlich sind. Dazu zählen Trinkwasserversorgung und Nahrungsmittelproduktion. Kraftwerke sind heikler, weil sie auch militärisch genutzt werden. Ein Staat, der solche Ziele angreift, riskiert politisch und rechtlich erheblich mehr, als die Spieltheorie des Interviews vermuten lässt.
Drittens folgt aus «Macht macht empathielos» keine Zwangsläufigkeit. Der Experte selbst räumt ein, dass es innerhalb Irans Fraktionen gibt und dass sich die Welt gegen Teheran vereinen könnte. Das sind keine Randbemerkungen, sondern Faktoren, die sein Szenario stark relativieren.
Was bleibt: die Verwundbarkeit
Am Ende des Gesprächs stehen Aussagen, die unbelegbar sind. Etwa dass die USA Libyen «zerstört» und in Syrien einen Bürgerkrieg «verursacht» hätten, was die Ursachen der Flucht nach Europa stark verkürzt. Auch die Behauptung, Amerika verfüge nicht über die Kapazität, auf koordinierte Schläge zu antworten, ist eine Vermutung.
Was dagegen bleibt, ist ein nüchterner Befund. Die Weltwirtschaft ist ein Netz mit erstaunlich wenigen Engpässen. Ein Fünftel des Öls, ein Drittel des Heliums, ein Grossteil der Seltenen Erden und des Quarzes laufen durch Orte, die politisch verwundbar sind. Die Schweiz kennt das Problem im Kleinen. Sie importiert fast ihre gesamte Energie, ihre Pharma- und Maschinenindustrie hängt an Vorprodukten aus Asien, und ihre Lebensmittelversorgung beruht auf offenen Grenzen und Häfen.
Der Interviewgast hat vermutlich unrecht, wenn er den Untergang der Zivilisation vorhersagt. Er hat recht, wenn er daran erinnert, wie wenig es braucht, damit die Lieferketten reissen. Einen Versicherer, der eine Route nicht mehr deckt, hört man nicht. Man merkt es erst, wenn das Regal leer ist.
Nico Stino
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