«Pax Silica»
Das umstrittene Abkommen, das die EU zum technologischen Protektorat der USA macht
Am 23. Juni 2026 unterzeichnete die Europäische Union in Washington ein Dokument, das in Brüssel kaum als das bezeichnet wird, was es ist: ein Unterwerfungsakt. Im Verhandlungssaal des US-Aussenministeriums unterzeichneten die EU sowie Deutschland, Griechenland und die Niederlande die sogenannte «Pax Silica» — eine von den Vereinigten Staaten geführte Allianz zur Absicherung der technologischen Lieferketten rund um Künstliche Intelligenz und Halbleiter. Was nach multilateraler Zusammenarbeit klinge, sei bei näherer Betrachtung eine geopolitische Architektur, die Europa fest in die Umlaufbahn Washingtons ziehe.
Ein Name als Programm
Der Name «Pax Silica» sei ein kleines Meisterwerk des geopolitischen Marketings. Er evoziere die Pax Romana — jene lange Phase der Stabilität, die nicht durch einen gleichberechtigten Dialog zwischen Völkern zustande gekommen sei, sondern durch die Fähigkeit Roms, Regeln zu setzen. Silizium statt Marmor, Datenzentren statt Legionen — doch die Logik sei dieselbe: Ordnung durch Überlegenheit, Stabilität durch Abhängigkeit.
Das Projekt sei die zentrale Initiative des US-Aussenministeriums im Bereich Künstliche Intelligenz und Versorgungskettensicherheit. Das erklärte Ziel: die Abhängigkeit von Staaten ausserhalb der amerikanischen Einflusssphäre — insbesondere von China — zu reduzieren und die Lieferkette für KI, fortschrittliche Halbleiter und kritische Mineralien abzusichern.
«Coalition of Capabilities» — wer gibt, wer nimmt
Pax Silica sei kein völkerrechtlich bindender Vertrag, sondern ein politischer Akt nach dem Modell der «coalition of capabilities»: Jedes Land bringe einen spezifischen Vermögenswert ein und erhalte im Gegenzug Zugang zum gemeinsamen Technologieökosystem. Das klinge fair. Sei es aber nur bedingt.
Der Hauptarchitekt der Initiative, US-Unterstaatssekretär Jacob Helberg, habe gegenüber der Financial Times erklärt, Pax Silica sei entstanden aus der Erkenntnis, dass Foren wie G7 oder G20 nicht geeignet seien, die KI-Wirtschaft zu steuern. «Es gibt keine Gruppierung, die spezifisch für die Verwaltung der KI-Wirtschaft konstruiert wurde, in einem Moment, in dem diese die Form der globalen Wirtschaft revolutioniert», habe er gesagt.
Was Helberg nicht sage: Wer diese neue Gruppierung konstruiert — und wessen Interessen sie bediene. Die Antwort finde sich im Text der Erklärung selbst.
Das Paradox der europäischen «Technologiesouveränität»
Europa trete dieser Allianz bei mit dem Wort «Souveränität» auf den Lippen — und verabschiede sich damit faktisch von ihr. Am 3. Juni 2026 habe die Kommission das ambitionierteste Technologiepaket ihrer Geschichte vorgestellt, mit dem Ziel, die Abhängigkeit von aussereuropäischen Anbietern entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu reduzieren: Halbleiter, KI, Cloud, Open-Source-Software. Drei Wochen später habe dieselbe Kommission ein Dokument unterzeichnet, das Europa in eine US-geführte Lieferkette einbette.
Das Paradox sei grandios: Einerseits erkläre Brüssel, die Abhängigkeit von aussereuropäischen Technologien reduzieren zu wollen. Andererseits trete es einer technologischen Ordnung bei, die um die amerikanische Führung herum konstruiert sei.
Helberg selbst habe diese Spannung benannt — und aufgelöst, auf seine Art: Er bezeichne «Technologiesouveränität» als verführerische, aber rückwärtsgewandte und kontraproduktive Vision. Pax Silica sehe keine technologische Autonomie einzelner Nationen vor, sondern einen kontinuierlichen Austausch von Wissen, Infrastruktur und Ausrüstung unter Verbündeten — was er als «Innovationssouveränität» bezeichne. Eine Souveränität, die man offenbar nur im Abonnement erwerben könne.
Der MATCH Act und die freundliche Erpressung
Der MATCH Act, 2026 von US-Senatoren eingebracht, mache diese Logik noch expliziter: Er ziele darauf ab, die Exportkontrollen der Verbündeten an amerikanische Standards im Bereich Halbleiterausrüstung anzupassen. Wenn Verbündete die Lücken in ihren Exportkontrollen nicht durch Diplomatie schlössen, sollten die USA unilateral handeln können. Anders gesagt: Zuerst lade man zum Tisch ein, dann erkläre man, was auf dem Tisch stehe.
Die EU sei auf Nvidias KI-Chips für ihre Recheninfrastruktur angewiesen. Die USA ihrerseits seien abhängig von europäischen Schlüsseltechnologien wie den Lithographiemaschinen des niederländischen Konzerns ASML. Eine echte Partnerschaft würde das als Verhandlungsgrundlage nutzen. Pax Silica tue es nicht.
Was die Schweiz damit zu tun hat
Die Schweiz ist nicht Mitglied der EU — und steht damit formal ausserhalb des Abkommens. Doch die Illusion der Unabhängigkeit wäre trügerisch. Als Sitz bedeutender Halbleiter-Zulieferer, Finanzintermediäre und Technologieunternehmen ist die Schweiz tief in jene globalen Lieferketten eingebettet, die Pax Silica neu ordnen will. Wer heute Chips kaufe, Software lizenziere oder KI-Dienste nutze, bewege sich bereits in dem geopolitischen Raum, den Washington gerade kartiere.
Bern täte gut daran, diese Entwicklung nicht nur aus der Vogelperspektive zu beobachten. Die Frage, ob und wie die Schweiz eigenständig bleibe — technologisch, regulatorisch, geopolitisch — werde sich nicht von selbst beantworten.
Schlussbetrachtung
Unter dem Vorwand eines defensiven Schutzwalls gegen China werde ein Abhängigkeitssystem angeboten, das an das Protektorat des Römischen Imperiums erinnere. Das sei keine geopolitische Übertreibung — es sei eine strukturelle Beschreibung dessen, was ein asymmetrisches Bündnis bedeute, wenn eine Seite die Regeln schreibe.
Europa habe formal souverän gehandelt. Substanziell habe es sich in einen technologischen Orbit eingeschrieben, dessen Schwerkraft in Washington liege. Man könne das pragmatisch nennen. Man könne es auch beim Namen nennen: Abhängigkeit mit Unterschrift.
Die Pax Silica sei nicht das Ende der europäischen Technologiepolitik. Aber sie sei ein Moment der Offenbarung — ein Augenblick, in dem sichtbar werde, wie weit die proklamierte Souveränität von der gelebten Realität entfernt sei.
Nico Stino ist Gründer und Chefredaktor von Swissvox.




Präzise Analyse. Die Begriffskosmetik – «Innovationssouveränität» statt echter Autonomie – ist entlarvend. Aus polizeilicher Sicht kommt noch etwas hinzu: Abhängigkeit bei KI-Infrastruktur bedeutet Kontrollverlust bei Ermittlungen. Wenn europäische Behörden künftig auf US-kontrollierte Systeme für Gesichtserkennung oder Datenanalyse angewiesen sind, entscheidet Washington faktisch mit – über Zugang, Auditrechte, mögliche Hintertüren. Das ist keine theoretische Gefahr, das ist operative Realität. Die Frage «Wer kontrolliert die Infrastruktur?» beantwortet auch, wer am Ende die Spielregeln setzt – in der Wirtschaft wie in der Strafverfolgung.