Von Nico Stino
Der Kontinent will unabhängig werden und bestellt dafür bei seinem Nachbarn jenseits des Atlantiks. 800 Milliarden Euro haben sich die EU-Staaten mit dem Plan «ReArm Europe» vorgenommen, der inzwischen unter dem Namen «Readiness 2030» läuft. Ein grosser Teil davon fliesst nicht in europäische Fabriken, sondern nach Amerika.
40 zu 1
Die Zahlen stammen aus einer Recherche des Netzwerks Investigate Europe, über die das italienische Portal L'Indipendente berichtet. Die Europäer beziehen rund 40 Prozent ihres Militärgeräts aus den USA. Die Amerikaner kaufen im Gegenzug nur etwa 1 Prozent in Europa. Eine Einbahnstrasse mit Sonderzoll für Brüssel.
Ein Flickenteppich als Preistreiber
Das Problem ist hausgemacht. Die europäischen Armeen betreiben 178 verschiedene Waffensysteme, die US-Streitkräfte kommen mit 30 aus. Diese Zahl nannte Parlamentspräsidentin Roberta Metsola im Vorjahr. Jedes Land bestellt für sich, in kleinen Stückzahlen und zu höheren Preisen. Die Recherche hält fest: Eine gemeinsame Rüstungspolitik der EU fehlt, jede Regierung rüstet zu ihren eigenen Bedingungen auf. Der Europäische Rechnungshof warnte Anfang September vor schlecht koordinierten Käufen und vor der anhaltenden Abhängigkeit von den USA.
Das Schlupfloch im Kreditfonds
Brisant ist ein Detail beim Kreditprogramm. Brüssel stellt 150 Milliarden Euro an vergünstigten Darlehen bereit. Laut Investigate Europe dürfen die teilnehmenden Länder, 19 an der Zahl, darunter Italien, damit auch Verträge mit US-Firmen bezahlen, sofern diese vor Juni 2026 unterschrieben wurden. Europäisches Geld deckt also amerikanische Rechnungen.
Die Kundenliste
Deutschland erhielt vor zwei Wochen seinen ersten F-35 von Lockheed Martin, 35 sind bestellt. Die Militärverträge summieren sich auf 72 Milliarden Euro, gleichauf mit Polen der höchste Wert in der EU.
Schweden genehmigte Anfang September ein HIMARS-Raketenwerfersystem für über 600 Millionen Euro. Es soll auch Finnland schützen, dessen Rüstungsimporte zu 90 Prozent aus den USA stammen.
Italien hat seit 2023 neun neue Beschaffungsprogramme gestartet, mit Gesamtkosten von 4,4 Milliarden Euro. Dazu kommen 25 F-35 für mindestens 7 Milliarden.
Zugleich haben sich die NATO-Staaten verpflichtet, 5 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung in die Verteidigung zu stecken.
Einordnung
Wer mehr Souveränität verspricht und mehr Abhängigkeit einkauft, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Kurzfristig gibt es dafür Gründe: Die US-Industrie liefert schnell, in Serie und erprobt. Langfristig zahlt Europa doppelt, einmal in Euro, einmal mit dem Verlust an Handlungsfreiheit, denn Ersatzteile, Software und Munition bleiben in amerikanischer Hand.
Auch die Schweiz kennt diese Frage aus der F-35-Debatte. Sie zeigt: Wer sich einmal an ein System bindet, bleibt auf Jahrzehnte an den Lieferanten gekettet. Ob Europa den Absprung noch schafft, entscheidet sich nicht in Sonntagsreden, sondern in den Bestellbüchern der nächsten zwei Jahre.
Quellen: Investigate Europe, Europäischer Rechnungshof, Europäisches Parlament.
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