Peter Thiel hat zwanzig Jahre lang vor dem Stillstand gewarnt. Jetzt rast die Künstliche Intelligenz, und er sorgt sich trotzdem: um Europa, um Amerikas Demokraten und um die Frage, wer über die Zukunft entscheidet.
Von Nico Stino
Wer einen Mann ehren will, der selten Beifall sucht, wählt am besten einen Anlass mit Festrede. Am Abend der Verleihung des Axel-Springer-Preises sitzt Peter Thiel also vor einem deutschen Gesprächspartner und tut, was er seit Jahrzehnten tut: Er widerspricht. Diesmal widerspricht er sogar sich selbst, wenn auch nur ein wenig.
Der Mitgründer von PayPal und Palantir, früher Geldgeber von Facebook und heute einer der einflussreichsten und umstrittensten Investoren des Silicon Valley, hat seine These vom technologischen Stillstand nie aufgegeben. Er hat ihr aber ein Update verpasst. Das Gespräch zeigt einen Denker, der die Weltlage in Kategorien von Wachstum, Kompetenz und Generationenvertrag sortiert. Es zeigt auch, wie dünn seine Belege werden, sobald er das Terrain seiner Spezialgebiete verlässt.
Die Stagnation, bewiesen durch ihr Ende
Thiels Kernthese ist bekannt. Seit den siebziger Jahren, so argumentiert er, habe die Menschheit in der Welt der Bits Fortschritte gemacht, also bei Computern, Internet und Software. In der Welt der Atome sei dagegen wenig geschehen. Maschinenbau, Chemie, Luftfahrt und Kernphysik seien schon in den Achtzigern keine Fächer mehr gewesen, für die sich ein ehrgeiziger Student entschied.
Der Stillstand habe die Gesellschaft vergiftet. Wo es für jeden Gewinner einen Verlierer gebe, werde Politik zum Nullsummenspiel und die Gesellschaft schlechter.
Neu ist der Triumphton. Dass heute alle über Beschleunigung streiten, hält Thiel für den nachträglichen Beweis seiner Diagnose: Niemand bestreite mehr, dass die Jahrzehnte davor zäh gewesen seien. Die Künstliche Intelligenz sei möglicherweise grösser als das Internet und könne das Wachstum wieder anfachen, «mit all dem Guten und Schlechten, das dazugehört».
Die Argumentation ist elegant, aber nicht zwingend. Dass eine Technologie auftaucht, beweist nicht, dass ihr Fehlen zuvor die Ursache aller Übel war. Thiel hat allerdings einen Punkt, den man nicht wegwischen sollte: Auch das Nichtstun ist keine neutrale Option.
Das Risiko der Vorsicht
Beim Thema Sicherheit der KI bleibt Thiel ungewohnt moderat. Die Szenarien aus «Matrix» und «Terminator» hält er für unwahrscheinlich, auch wenn er einräumt, dass fünf oder zehn Prozent Risiko «ziemlich schlecht» wären. Sein Einwand richtet sich gegen den Reflex, aus einer Restwahrscheinlichkeit stets das Bremsen abzuleiten.
Die Alternative, ein Land oder ein Kontinent ganz ohne Fortschritt, sei kein friedliches, sozialdemokratisches Idyll. Der Mittelstand in den USA und in Europa lebe von der Erwartung, dass es den Kindern besser gehen werde. Zerbreche dieser Generationenvertrag, «beginnt die Gesellschaft auf sehr seltsame Weisen zu verrücktspielen».
Global bremsen liesse sich ohnehin nur mit einer Weltregierung, die Zähne hätte. Das wäre für den klassischen Liberalen in ihm «vom Regen in die Traufe». Eine Scheinregierung mit wohlklingenden Erklärungen wiederum riskiere, den Westen zu bremsen und China nicht.
Hier holt Thiel zu seiner spitzesten Pointe aus. Die jüngste Enzyklika des Papstes zur Künstlichen Intelligenz nennt er, milde gesagt, eine Anti-KI-Enzyklika. Die Kommunistische Partei Chinas werde nicht auf den Papst hören, ein Teil der Amerikaner schon. Der Papst arbeite damit faktisch für Peking, er sei ein «nützlicher Idiot». Das ist starke Rhetorik. Belege legt Thiel nicht vor.
Der Gesprächspartner berichtet, zwei Gründer grosser KI-Plattformen hätten ihm von chinesisch gesteuerten Anti-KI-Kampagnen in amerikanischen sozialen Netzwerken erzählt. Thiel hat dazu «nicht sorgfältig recherchiert» und ist «geneigt, es zu glauben». Er hält es aber nicht für den Hauptfaktor. Die Skepsis sei überwiegend hausgemacht. Diese Einschränkung ist die ehrlichste Passage des Themenblocks.
Warum Amerika protestiert und Europa schläft
Bemerkenswert findet der Interviewer, dass es ausgerechnet im technikbegeisterten Amerika Plakate und Proteste gegen die KI gibt, während man in Europa zwar zögert, aber nicht demonstriert. Thiels Erklärung ist eine Umkehr des Vorwurfs. Die USA seien der Ort, an dem KI tatsächlich stattfinde, also spüre man dort auch ihre Folgen und Zumutungen. China sei ein schneller Verfolger. Europa hingegen sei «extrem weit zurück».
Als Beleg dient ihm sein eigenes Geschäft. Bei Palantir sei der Absatz an amerikanische Unternehmen in den vergangenen Jahren stark beschleunigt, weil dort der Druck herrsche, den eigenen Konzern für das neue Zeitalter umzubauen. In Europa herrsche Trägheit nach dem Motto: «Verschiebe nicht auf morgen, was du auch auf übermorgen verschieben kannst.»
Man muss dazusagen, dass Thiel hier in eigener Sache spricht. Palantir verdient an der Nervosität der Unternehmen. Die Beobachtung bleibt trotzdem unbequem, denn sie deckt sich mit vielen Klagen europäischer Manager.
Minitel oder Concorde?
Thiels Frage an Europa lautet, ob die eigene KI-Strategie eher ein Concorde-Projekt sei oder ein Minitel-Projekt. Die Concorde war staatlich gelenkt und marktfern, aber technisch ein Erfolg: Europa holte in der Überschallfahrt auf. Das französische Minitel der Neunziger sollte das Internet französisch machen und liess das Land tiefer in einen Graben rutschen.
Seine Antwort ist nüchtern. Europa liege in der KI weiter zurück, als es Frankreich mit dem Minitel je war. Der Interviewer stimmt zu.
Die Ursachenforschung überlässt Thiel den anderen, denn «Warum-Fragen sind immer überdeterminiert». Er bietet aber eine Statistik an, die sitzt. Unter den fünfzig reichsten Amerikanern gehören zwölf zur Generation X oder sind jünger, und neun von ihnen haben ihr Vermögen selbst verdient. Unter den fünfzig reichsten Deutschen sind es zwanzig, und alle zwanzig haben geerbt. Kein einziger habe ein neues, skalierbares Unternehmen aufgebaut.
Deutschland habe nicht nur eine Angst vor dem Scheitern, sondern womöglich auch eine Angst vor dem Erfolg: Wer etwas gebaut hat, das funktioniert, verkauft, statt zum Musk oder Zuckerberg zu werden. Seit etwa 1995 sei die Fähigkeit, grosse neue Firmen zu gründen, weitgehend verschwunden. Die Zahlen stammen aus Thiels eigener Recherche und gelten nur für eine Vermögensklasse. Der Befund bleibt dennoch unangenehm: Ein Land, das sich als Erfinder- und Ingenieurnation versteht, hat seit drei Jahrzehnten keinen neuen Weltkonzern hervorgebracht.
Demokratie, sagt er, sei ihm wichtig
Der Interviewer konfrontiert Thiel mit dem Satz aus dem Jahr 2009, er glaube nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar seien. Thiel nennt das Schreiben eine «gefährliche Tätigkeit». Den Text habe er an einem Abend heruntergetippt und einem Kollegen zur Prüfung gegeben, der nichts Kontroverses gefunden habe. Zwei Wochen später habe er eine Klarstellung veröffentlicht: Niemandem solle das Stimmrecht genommen werden. Ihm sei es um eine «Entpolitisierung» gegangen, um weniger Intensität in der Politik.
Der Aufsatz habe sich gegen Libertäre gerichtet, die die Welt durch Wahlsiege ändern wollten. Das sei nichts, was Montesquieu oder John Stuart Mill nicht auch gesagt hätten. Einzuwenden bleibt, dass ein Text, der einen Zweitleser brauchte und eine Korrektur, offenbar nicht so klar war, wie sein Autor es im Rückblick darstellt. Thiel gibt das im Grunde zu.
Sein Bild der politischen Lage ist düster und, das ist bezeichnend, aus der Rückschau der Weimarer Republik gezeichnet. 1932 hätten Nationalsozialisten und Kommunisten zusammen über fünfzig Prozent der Stimmen erreicht. Ab diesem Punkt sei es «fast zu spät».
Deutschland sehe er in Sichtweite dieser Konstellation. In Berlin gewann die Linke die Wahl, unter den 16- bis 24-Jährigen mit 47 Prozent. In Sachsen-Anhalt siegte die AfD deutlich. Thiel hält keine der beiden Parteien für lösungsfähig, nimmt aber die Fragen ernst, die sie stellen. Die Mieten seien zu hoch, das Bauen sei unmöglich, die Jungen kämen nicht voran. Europa und teilweise die USA seien «Gerontokratien».
Auf den Einwand des Interviewers, die Linke verfolge mit Enteignungen und antisemitisch gefärbten Positionen die falschen Antworten, entgegnet Thiel, es reiche in der Politik oft, die Probleme wenigstens zu benennen. Dieselbe Logik wende er auf seine Stagnationsthese an. Über die AfD urteilt er, sie liege in Ukraine, China und Israel falsch, und das sei bemerkenswert, denn «man kann nicht in allen dreien falsch liegen».
Die Angst vor den Demokratischen Sozialisten
Über Donald Trump will Thiel nach zehn Jahren noch kein Urteil abgeben, «fragen Sie mich in zehn Jahren». Er beschreibt das Muster: Die erste Regierung habe zerstrittenes Personal gehabt, die zweite überkorrigiert und Loyalität über Klugheit gestellt. Beide seien Reaktionen auf die Erschöpfung des Establishments gewesen. Sein Favorit für die Nachfolge bleibt JD Vance, den er früher bei Mithril förderte und dessen Senatswahlkampf 2022 er finanziell unterstützte.
Sein eigentlicher Alarm gilt jedoch der anderen Seite. Er befürchtet, dass die Erschöpfung, die die Republikaner 2016 erfasste, nun die Demokraten trifft. Die Democratic Socialists of America seien seit 2016 von 5000 auf 50 000 Mitglieder gewachsen, das Durchschnittsalter sei von 66 auf 33 gefallen. Das Establishment der Demokraten sei «lahm». Nehme die DSA die Partei ein, wäre das «vielleicht das Ende Amerikas».
Die Wahrscheinlichkeit, dass 2028 ein demokratischer Sozialist ins Weisse Haus einzieht, beziffert er auf fünfzig Prozent. Francis Fukuyama habe ihm darauf mit voller Überzeugung geantwortet: «Never.» Thiel hält Geschichte nicht für vorbestimmt. Die Zahl ist eine Schätzung, keine Berechnung, und sie kommt von einem Mann, der 2016 selbst auf einen Aussenseiter gesetzt hat.
Milei, Merz und die Schuldenmathematik
Argentinien fasziniert ihn als Menetekel: ein Land, das um 1900 als so reich galt, dass «reich wie ein Argentinier» ein geflügeltes Wort war, und danach ein Jahrhundert unter seinen Möglichkeiten blieb. Ob Javier Milei das Land wende, sei offen, mit einer Wiederwahl rechne er aber. Die Leninsche Idee, es müsse erst schlimmer werden, damit es besser werde, lehnt er ab.
Die westlichen Staaten, sagt er, hätten bei ihren Defiziten drei Wege: massiv sparen, massiv Steuern erhöhen oder weiter Schulden machen. Seit der Finanzkrise 2008 habe man den dritten gewählt. Solange die Zinsen bei null lagen, ging das. Nun aber laufe das Defizit «verzinst davon». Am Ende drohe entweder sozialistische Besteuerung oder harte Austerität.
Für Bundeskanzler Friedrich Merz findet er harte Worte: «Ein totales Scheitern, egal wie man es dreht», und die beste Idee sei, mehr Schulden zu machen. Erstaunlich sei bloss, wie stabil Merz trotzdem dastehe, weil die Alternativen ebenfalls keine Antworten hätten. Er rechnet mit langem Dahintreiben.
Böse, schlecht und das Problem der Inkompetenz
Zum Moralisieren technischer Neuerungen hat Thiel eine Theorie, die sein Publikum überrascht. Das Gegenteil von gut sei funktional nicht «böse», sondern «schlecht». Ein Ferrari sei ein böses Auto, weil er viel schluckt, ein Trabant ein schlechtes. Wer böse sei, sei wenigstens kompetent.
Goethes Faust, der sein Wissen mit zweifelhaften Mitteln erwirbt, aber am Ende erlöst wird, ist ihm lieber als Marlowes Faust, der ein Scharlatan ist und in der Hölle endet. Er wolle klar sagen: Gut zu sein sei besser als böse zu sein. Das eigentliche Problem der Gegenwart sei aber nicht das Böse, sondern die Inkompetenz von neunundneunzig Prozent der Firmen und Politiker.
Man kann darin eine Provokation sehen, oder eine Schutzbehauptung für einen Mann, dessen Firmen gern mit dem Vorwurf des Bösen konfrontiert werden. Als Diagnose der Gegenwart ist der Gedanke aber nicht dumm.
Kinder, Chess, Antichrist
Am persönlichsten wird das Gespräch am Schluss. Mit vier kleinen Kindern habe sich sein Zeithorizont verändert. Seine älteste Tochter werde im Jahr 2100 einundachtzig sein, da beginne man zu überlegen, wie das 22. Jahrhundert aussehen könnte.
Am stärksten interessiert ihn die Demenz. Er hält die Lebensverlängerung für das einzige Gebiet des Fortschritts, das er ohne Kehrseite sieht. Ewiges Leben sei erstrebenswert, aber nur im eigenen Körper, denn ein Hochladen ins Netz wäre «nicht ich». Der Transhumanismus gehe aus christlicher Sicht nicht zu weit, sondern nicht weit genug. Gelangweilt würde er nicht sein. Er spielt zu viel Schach im Internet.
Die Schlussfrage, welche Wahrheit er glaube, die fast niemand teile, beantwortet er ausweichend: Seine Reden über den Antichristen hätten ihm vor drei Jahren noch als abwegig gegolten. Heute glaubten viele, dass ein beginnender Totalitarismus «gleich um die Ecke» sei. Und alle, die das für verrückt hielten, stimmten insgeheim zu.
Einordnung
Peter Thiel ist ein Denker, der Muster sieht und daraus grosse Linien zieht. Seine Stärke liegt in der Verbindung von Ökonomie, Geschichte und Technik, und er stellt Fragen, die andere vermeiden: warum Deutschland keine neuen Grosskonzerne hervorbringt, weshalb Europa in der KI weiter zurückliegt als Frankreich mit dem Minitel, und was geschieht, wenn Wohlstandsversprechen an die Jungen nicht mehr eingelöst werden.
Seine Schwächen sind ebenso sichtbar. Er ist Investor mit handfesten Interessen an schnellerer KI und mehr Staatsaufträgen. Er arbeitet mit Zahlen, die er sich selbst zusammengesucht hat. Er setzt Schlagworte wie «nützlicher Idiot» und «das Ende Amerikas», wo Belege fehlen. Und er lässt offen, was er selbst für die Lösung hält, ausser dass man das Problem benennen müsse.
Das mag genügen, um zu provozieren. Ob es genügt, um Europa aus der Trägheit zu holen, ist eine andere Frage. Immerhin ist es ein Anfang, dass jemand sie stellt.
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