Ein Telefon klingelt. Auf dem Display steht «Donald Trump». Der Mann, der abnimmt, heisst Gianni Infantino, Präsident des Weltfussballverbandes. Wenige Stunden später verschwindet eine rote Karte aus den Akten, ein US-Nationalspieler darf doch noch auflaufen. Diese Szene, mehr Anekdote als bewiesene Tatsache, aber gestützt auf mehrere übereinstimmende Quellen, steht im Zentrum eines neuen Buches, das der langjährige FIFA-Kommunikationsmann und Journalist Thomas Renkli gerade veröffentlicht hat. Der Titel: «Vielleicht gibts im Fussball doch noch Gerechtigkeit».
Renkli ist kein Aussenseiter, der sich an einem mächtigen Funktionär abarbeitet. Er hat selbst drei Jahre in der Kommunikationsabteilung der FIFA gearbeitet, unter Sepp Blatter, und kennt den Apparat von innen. Genau das gibt seinem 30. Buch – nach eigener Zählung, so genau weiss er es selbst nicht mehr – ein Gewicht, das eine reine Aussensicht nie hätte.
Ein Buch, das sich fast selbst geschrieben hat
Die Fussball-Weltmeisterschaft in den USA, mit 48 Mannschaften erstmals in dieser aufgeblähten Form ausgetragen, lieferte Renkli den Stoff frei Haus. «Das Buch hat sich fast selbst geschrieben, sogar ohne künstliche Intelligenz», sagt er im Gespräch – ein Seitenhieb, der zeigt, dass ihm der journalistische Instinkt für die pointierte Formulierung nicht abhandengekommen ist.
Der Zeitpunkt könnte kaum besser gewählt sein. Im Oktober tagt der FIFA-Council, im November müssen sich die Präsidentschaftskandidaten offiziell stellen, im März 2027 wird gewählt. Und genau jetzt positioniert sich offenbar die UEFA, Infantinos einstige Herkunftsorganisation, zunehmend kritisch gegen ihren ehemaligen Generalsekretär. Die Ironie dabei: Ohne die UEFA hätte es Infantino nie an die Spitze der FIFA geschafft.
Der Sohn italienischer Gastarbeiter mit unstillbarem Ehrgeiz
Renklis Buch beginnt weit vor Infantinos Amtsantritt. Er zeichnet einen Buben aus Brig nach, Sohn italienischer Gastarbeiter, die Mutter arbeitete am Bahnhof, der Vater ebenfalls. Als Kind litt Infantino an einer seltenen Bluterkrankung, die eine europaweite Suche nach passenden Blutkonserven auslöste. Eine Kindheit mit Handicap, aus der eine bemerkenswerte Aufstiegsgeschichte wurde – und, so Renklis These, vielleicht auch ein Ehrgeiz, der irgendwann keine Grenzen mehr kannte.
Als Infantino 2015 gewählt wurde, war die Stimmung im Wallis euphorisch. Sepp Blatter selbst freute sich über einen Nachfolger aus der eigenen Region. Doch aus dem sympathischen «Piccolo Gianni», wie ihn die Leute im Dorf nannten, wurde laut Renkli eine völlig andere Figur, sobald die Macht einmal in seinen Händen lag.
Machiavelli am Zürcher Berg
Renkli scheut den grossen Vergleich nicht: Machiavelli. Nicht die Macht selbst zähle, sondern der Genuss, sie auszuüben – diese Lehre, so seine These, habe Infantino verinnerlicht wie kaum ein anderer FIFA-Präsident vor ihm. Seine erste Amtshandlung sei bezeichnend gewesen: Er habe sämtliche Compliance- und Kontrollgremien der FIFA entmachtet. Das Ergebnis, so Renkli pointiert, sei ein Verband, der «relativ nahe bei einer Diktatur» stehe – eine Struktur, in der ein Anruf aus dem Weissen Haus genügt, um eine sportliche Entscheidung zu kippen.
Konkret wird es beim Thema Selbstbereicherung. Renkli beschreibt, wie Infantino die Schulkosten seiner Tochter – rund 50’000 Dollar jährlich für eine Privatschule – über die FIFA abrechnen liess. Und er rekonstruiert den gescheiterten Versuch, die kommerziellen Rechte der FIFA an eine amerikanische Investmentgesellschaft zu verkaufen, bei der Infantino selbst als CEO hätte einsteigen sollen. Ein cleverer Schachzug, findet Renkli, um die eigene Amtszeitbeschränkung faktisch auszuhebeln – wäre der Deal nicht öffentlich geworden.
Blatter, der Romantiker – Infantino, der Rechner
Ein Vergleich zieht sich durch das ganze Buch: der zwischen Infantino und seinem Vorgänger Sepp Blatter, dem Renkli persönlich nahesteht und über den er ebenfalls ein Buch geschrieben hat. Blatter, sagt er, sei «sicher ein Mann mit wirtschaftlichem Background» gewesen, «aber noch ein Fussball-Romantiker». Bei Infantino dagegen habe er «das Gefühl, dass wir es mit einem machtbesessenen Gewinnoptimierer zu tun haben».
Besonders drastisch wird diese Gegenüberstellung bei der sogenannten «Verschwörung von Einsiedeln» – einer Episode, die Renkli fast surreal nennt. Infantinos Anwälte sollen konstruiert haben, Blatter habe im Kloster Einsiedeln einen abhörsicheren Raum für konspirative Treffen unterhalten. Der Abt des Klosters dementierte umgehend, es gebe einen solchen Raum schlicht nicht. Übrig blieb eine einzige reale Verbindung: Blatter war dort einmal Trauzeuge bei einer Hochzeit. Für Renkli ist die Episode weniger Anekdote als Symptom – ein Beleg für eine Verbissenheit, die ihm selbst nach jahrzehntelanger Blatter-freundschaft schwer verständlich bleibt.
Auch juristisch zog sich der Machtkampf über Jahre hin: Der sogenannte «Zwei-Millionen-Fall», eine Zahlung Blatters an Michel Platini, endete – nach unzähligen Instanzen – mit einem vollständigen Freispruch. Renkli lässt dabei eine Frage offen im Raum stehen, die weiterträgt als die juristische Klärung selbst: Wer hat die entsprechenden Informationen überhaupt an die Bundesanwaltschaft weitergegeben?
Die Seele des Spiels
Neben der Personalie Infantino verhandelt Renkli grundsätzlichere Fragen. Die Ausweitung der WM auf 48 und künftig 64 Mannschaften habe das Turnier verwässert – ein Drittel der Teams sei schlicht nicht konkurrenzfähig gewesen, ähnlich wie in der ersten Runde des Schweizer Cups, wenn ein Grossclub auf einen Amateurverein trifft. Auch technische Neuerungen wie Trinkpausen, fünf Auswechslungen oder der Videoschiedsrichter verändern nach Renklis Einschätzung das Spiel in seiner Substanz – wobei er den VAR bei eindeutigen Tatbeständen wie Abseits durchaus befürwortet, seine inflationäre Ausweitung auf Ermessensentscheide aber scharf kritisiert.
Als Gegenbild zu Infantinos Machtpolitik erzählt Renkli die Geschichte von Lars Lunde, einem einstigen Fussballstar, der nach einem schweren Zugunfall nie mehr spielen konnte – und dem Bayern-Präsident Uli Hoeneß, selbst verurteilter Steuersünder, all die Jahre zur Seite stand. Eine Geste, findet Renkli, die zeigt: Die Seele des Fussballs ist noch nicht ganz verloren. Nur eben nicht mehr an der Spitze der FIFA.
Ist Infantino noch zu retten?
Am Ende des Gesprächs wagt Renkli eine Prognose. Rein rechnerisch, sagt er, habe Infantino durchaus gute Chancen auf eine Wiederwahl im März. Doch er glaubt nicht, dass es überhaupt so weit kommt: Sollte die UEFA gemeinsam mit den europäischen Topligen wirklich Druck aufbauen, bleibe dem Schweizer keine Machtbasis mehr. Ohne die sportliche Stärke Europas – sechs der acht WM-Viertelfinalisten kamen aus Europa – sei ein FIFA-Präsident schlicht nicht überlebensfähig.
Einordnung
Renklis Buch ist kein nüchternes Sachbuch, sondern ein pointiertes, journalistisches Porträt mit klarer Haltung. Wer eine ausgewogene Biografie erwartet, wird enttäuscht. Wer verstehen will, wie ein Verband, der einst dem Fussball dienen sollte, zu einer Machtmaschine werden konnte, findet hier dichtes, konkretes Material – gespeist aus Insiderwissen, das sich nicht einfach wegdiskutieren lässt. Ob Infantino tatsächlich stürzt, wie Renkli vermutet, oder im März doch wiedergewählt wird, entscheidet sich in den kommenden Monaten. Sicher ist: Der Fahrplan bis zur Wahl ist eng getaktet, und die UEFA hat ihre Karten noch nicht ausgespielt.
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