Brasilien steht vor einer Wahl, die weit über die Grenzen des Landes hinausreicht. Wenn Luiz Inácio Lula da Silva im Oktober erneut um das Präsidentenamt kämpft, geht es längst nicht mehr nur um einen innenpolitischen Machtkampf zwischen der brasilianischen Linken und dem politischen Erbe Jair Bolsonaros. Im Hintergrund hat sich ein internationales Netzwerk gebildet, in dem Donald Trump, Javier Milei und Benjamin Netanyahu unterschiedliche Interessen verfolgen, aber eines gemeinsam haben: Sie stehen politisch deutlich näher bei Flávio Bolsonaro als bei Lula.
Der Name Bolsonaro ist dabei Programm. Flávio Bolsonaro, Sohn des ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro, tritt als Kandidat der brasilianischen Rechten gegen Lula an. Sein Vater sitzt nach seiner Verurteilung wegen seiner Rolle bei dem Versuch, die Wahlniederlage von 2022 rückgängig zu machen, unter Hausarrest. Flávio versucht nun, aus dem politischen Erbe seines Vaters eine neue Machtbasis zu schaffen. Und dabei bekommt er Unterstützung, die für einen brasilianischen Wahlkampf ungewöhnlich weit über die Landesgrenzen hinausgeht.
Besonders sichtbar wurde das im Juli, als Javier Milei persönlich nach Brasilien reiste, um an der Veranstaltung teilzunehmen, auf der Flávio Bolsonaro offiziell als Kandidat der Liberalen Partei präsentiert wurde. Milei nutzte seinen Auftritt nicht für diplomatische Zurückhaltung. Er griff Lula politisch an und stellte Bolsonaro als Gegenmodell zum brasilianischen Präsidenten dar. Für Milei ist Brasilien nicht irgendein Nachbarland. Es ist die größte Volkswirtschaft Südamerikas und zugleich ein Land, dessen politische Entwicklung direkten Einfluss auf das Kräfteverhältnis in der Region hat.
Noch bemerkenswerter ist die Verbindung zu Washington. Donald Trump hat seit Jahren ein enges politisches Verhältnis zur Bolsonaro-Familie. Gleichzeitig hat sich der Konflikt zwischen Washington und Brasília erheblich verschärft. Zölle, diplomatische Auseinandersetzungen und Vorwürfe möglicher Einflussnahme auf den brasilianischen Wahlprozess haben eine Atmosphäre geschaffen, in der wirtschaftlicher Druck und politische Interessen immer schwerer voneinander zu trennen sind.
Brasilien selbst reagiert darauf zunehmend nervös. Lula hat in seiner Rede vor der UNO ausdrücklich vor ausländischer Einmischung in die bevorstehende Wahl gewarnt. Er nannte Trump und Flávio Bolsonaro dabei nicht direkt, machte aber deutlich, dass er die Verbindung zwischen innenpolitischen Akteuren und ausländischen Interessen als Problem betrachtet. Brasilien, so seine Botschaft, sei kein Hinterhof fremder Mächte.
Und dann ist da Benjamin Netanyahu. Der israelische Ministerpräsident unterstützte Flávio Bolsonaro öffentlich mit einer Videobotschaft. Damit bekommt der brasilianische Wahlkampf eine weitere internationale Dimension. Netanyahu und Lula stehen politisch in einem offenen Konflikt, insbesondere wegen Lulas scharfer Kritik an Israels Vorgehen im Gazastreifen. Die Unterstützung für Flávio Bolsonaro fügt sich deshalb in eine bereits bestehende politische Frontstellung ein.
Man muss allerdings genau unterscheiden zwischen dem, was dokumentiert ist, und dem, was daraus politisch interpretiert wird. Es gibt sichtbare Unterstützung, persönliche Treffen, öffentliche Erklärungen, diplomatischen Druck und eine zunehmende internationale Polarisierung rund um die brasilianische Wahl. Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch eine geheime gemeinsame Verschwörung ableiten, deren Ziel der Sturz Lulas wäre.
Gerade deshalb ist die Entwicklung so interessant. Die eigentliche Geschichte liegt vielleicht weniger in einer geheimen Absprache als in der Tatsache, dass politische Unterstützung heute offen über Grenzen hinweg organisiert und demonstriert wird. Ein argentinischer Präsident reist nach Brasilien und unterstützt den Kandidaten der Opposition. Der US-Präsident steht hinter der politischen Familie Bolsonaro. Der israelische Ministerpräsident sendet eine Botschaft an denselben Kandidaten. Gleichzeitig verschärfen sich die diplomatischen und wirtschaftlichen Konflikte zwischen Brasilien und den USA.
Das alles verändert die Dynamik des brasilianischen Wahlkampfs.
Lula versucht, daraus eine Frage der nationalen Souveränität zu machen. Seine Botschaft lautet: Brasilien entscheidet selbst über seine Zukunft. Die Bolsonaro-Seite wiederum präsentiert die internationale Unterstützung als Beleg dafür, dass Flávio Bolsonaro in der Lage sei, Brasiliens Beziehungen zu Washington, Israel und anderen konservativen Regierungen neu zu ordnen.
Damit stehen sich zwei völlig unterschiedliche Vorstellungen von Brasiliens Rolle in der Welt gegenüber.
Auf der einen Seite steht Lula mit seinem Anspruch auf strategische Unabhängigkeit, einer stärkeren Rolle der BRICS-Staaten und einer multipolaren Weltordnung. Auf der anderen Seite steht ein politisches Lager, das deutlich stärker auf die Beziehungen zu Trump, Milei und Israel setzt und Brasilien wieder näher an den konservativen Machtblock der westlichen Hemisphäre führen möchte.
Es geht deshalb bei dieser Wahl nicht nur um Lula oder Bolsonaro.
Es geht um die Frage, wem Brasilien außenpolitisch näherstehen will, welche Rolle das Land zwischen Washington, Peking und den BRICS spielen wird und wie weit ausländische politische Akteure in einen nationalen Wahlkampf hineinwirken dürfen.
Lula spricht von ausländischer Einmischung. Seine Gegner sprechen von internationaler Unterstützung für einen politischen Neuanfang. Zwischen diesen beiden Begriffen liegt ein gewaltiger politischer Unterschied.
Und genau dort wird die brasilianische Wahl im Oktober entschieden: nicht nur an den Wahlurnen, sondern auch in einem geopolitischen Machtkampf, der längst begonnen hat.
Brasilien ist zu groß, zu reich und strategisch zu wichtig, um für Washington, Buenos Aires oder Jerusalem lediglich Zuschauer zu sein. Wer Brasilien politisch beeinflusst, beeinflusst damit einen erheblichen Teil Südamerikas.
Vielleicht ist genau das der eigentliche Grund, warum dieser Wahlkampf inzwischen so viel internationale Aufmerksamkeit erhält.
Es geht um Lula.
Aber es geht längst um mehr als Lula.
Die zugrunde liegenden aktuellen Fakten – Flávio Bolsonaros Kandidatur, Mileis offene Unterstützung, Netanyahus Botschaft, Trumps Nähe zur Bolsonaro-Familie und Lulas Warnungen vor ausländischer Einmischung – sind durch aktuelle Berichte dokumentiert.



