Neun ungeimpfte Patienten mit schweren Komplikationen – und eine große Gegenstudie ohne entsprechendes Signal
Die Frage, ob Blut von Menschen, die gegen COVID-19 geimpft wurden, für Transfusionsempfänger ein besonderes Risiko darstellen könnte, ist wieder auf der wissenschaftlichen Tagesordnung.
Auslöser sind zwei neue Preprints, die im August 2026 veröffentlicht wurden. Die Arbeiten stammen aus einem Forscherumfeld um James Thorp, Nicolas Hulscher und Peter McCullough und untersuchen das Thema aus zwei unterschiedlichen Perspektiven: Eine Arbeit beschreibt neun ungeimpfte Patienten mit schweren Komplikationen nach Bluttransfusionen. Die zweite wertet Meldungen aus dem US-amerikanischen Vaccine Adverse Event Reporting System, kurz VAERS, aus. (Nicolas Hulscher, MPH)
Die Autoren sehen darin Hinweise, die aus ihrer Sicht eine gezielte Untersuchung der Blutversorgung rechtfertigen.
Neun Fälle – schwere Krankheitsverläufe nach Transfusion
Die erste Arbeit ist eine retrospektive Fallserie. Beschrieben werden neun Menschen, die nach einer Bluttransfusion schwere Komplikationen entwickelten. Genannt werden unter anderem Thromboembolien, Gerinnungsstörungen, Myokarditis, Perikarderkrankungen, disseminierte intravasale Gerinnung, Multiorganversagen und Todesfälle. (The Expose - Home)
Die Autoren stellen die Hypothese auf, dass Blut von gegen COVID-19 geimpften Spendern möglicherweise biologisch aktive Bestandteile enthalten könnte. Dazu zählen sie Spike-Protein, Impfstoff-mRNA, Plasmid-DNA sowie bestimmte Amyloid- und Mikrogerinnselstrukturen.
Ihre Forderung ist deshalb zunächst eine wissenschaftlich überprüfbare: Blutspenden sollten gezielt auf solche Bestandteile untersucht werden, bevor über deren mögliche klinische Bedeutung endgültig entschieden wird.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Die Fallserie beweist nicht, dass die neun Patienten durch geimpftes Spenderblut erkrankten. Sie liefert vielmehr eine Reihe ungewöhnlicher Fälle, aus denen die Autoren eine überprüfbare Hypothese ableiten.
Was tatsächlich im Blut nachgewiesen wurde
Ganz aus der Luft gegriffen ist die Frage nach der Verteilung von Impfstoffbestandteilen allerdings nicht.
Eine 2023 veröffentlichte Untersuchung fand in 10 von 108 untersuchten Blutproben Fragmente beziehungsweise vollständige Sequenzen der mRNA-Impfstoffe von Pfizer-BioNTech oder Moderna. Die Sequenzen waren zwischen einem und 28 Tagen nach der Impfung nachweisbar. (PubMed)
Auch Spike-Protein wurde in mehreren Untersuchungen nach der Impfung im Blut nachgewiesen. Eine Studie aus Italien berichtete beispielsweise über spezifische Spike-Protein-Fragmente in 50 Prozent der untersuchten Proben, wobei die Nachweise zwischen 69 und 187 Tagen nach der Impfung lagen. Diese Ergebnisse sind jedoch selbst Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion und beantworten nicht automatisch die Frage nach einer Übertragung durch Bluttransfusionen. (Wiley Online Library)
Genau hier liegt die entscheidende offene Frage:
Wenn bestimmte Impfstoffbestandteile nach einer Impfung im Blut nachweisbar sein können – gelangen sie dann in relevanter Menge in eine Blutspende, überstehen Lagerung und Verarbeitung und können sie anschließend bei einem Empfänger eine biologische Wirkung entfalten?
Dafür gibt es bislang keinen belastbaren Nachweis.
Eine große Studie kommt zu einem anderen Ergebnis
Besonders wichtig ist deshalb eine 2025 veröffentlichte Untersuchung, die im Ausgangstext kaum berücksichtigt wird.
Forscher verknüpften die Impf- und Infektionsgeschichte von Blutspendern mit den tatsächlichen Transfusionen ihrer Empfänger. Untersucht wurden 7.773 Patienten mit insgesamt 8.715 Krankenhausaufenthalten sowie mehr als 15.000 Plasma- und knapp 19.300 Thrombozytentransfusionen.
Das Ergebnis war bemerkenswert: Es zeigte sich kein Zusammenhang zwischen Blutprodukten von geimpften Spendern und Thrombosen, erhöhtem Sauerstoffbedarf oder Krankenhaussterblichkeit. Auch bei Spenden kurz nach einer Impfung oder bei besonders hohen SARS-CoV-2-Antikörperspiegeln fand sich kein entsprechendes Signal. (PubMed Central (PMC))
Eine frühere Untersuchung mit mehr als 18.500 Transfusionsempfängern kam ebenfalls zu keinem Anstieg thrombotischer Ereignisse oder anderer untersuchter Komplikationen in der Zeit nach Einführung der COVID-Impfungen. Auch bei ungeimpften Empfängern ließ sich kein entsprechender Trend feststellen. (PubMed Central (PMC))
Damit stehen derzeit zwei unterschiedliche Evidenzstränge nebeneinander: eine kleine, hypothesengenerierende Fallserie auf der einen Seite und große Beobachtungsdaten ohne entsprechendes Sicherheitssignal auf der anderen.
Was bedeuten die neuen VAERS-Zahlen?
Die zweite neue Arbeit untersucht Meldungen an VAERS über einen Zeitraum von 1990 bis Juni 2026. Die Autoren berichten unter anderem über auffällige Signale bei Blutungen, Transfusionsereignissen, Gerinnungsstörungen und thrombotischen Ereignissen. Besonders hohe sogenannte Reporting Ratios werden auch für neurologische Diagnosen genannt. (thefocalpoints.com)
Solche Zahlen können Aufmerksamkeit verdienen. Sie dürfen aber nicht mit tatsächlichen Erkrankungsraten verwechselt werden.
VAERS ist ein Meldesystem für Ereignisse, die nach einer Impfung aufgetreten sind. Es ist ausdrücklich nicht dafür konzipiert, aus den Meldungen unmittelbar Kausalität oder die tatsächliche Häufigkeit einer Erkrankung abzuleiten. CDC und FDA weisen darauf hin, dass Meldungen unvollständig, fehlerhaft oder zufällig sein können und dass ein Ereignis nach einer Impfung nicht automatisch durch die Impfung verursacht wurde. (cdc.gov)
Ein starkes VAERS-Signal ist deshalb ein Signal zur weiteren Untersuchung – kein Beweis für einen kausalen Zusammenhang.
Warum die Frage trotzdem untersucht werden sollte
Die Gegenargumentation darf allerdings nicht darin bestehen, jede unbequeme Frage pauschal als Desinformation abzutun.
Wenn Impfstoff-mRNA oder bestimmte Spike-Protein-Fragmente nach der Impfung tatsächlich länger als ursprünglich angenommen in bestimmten Blut- oder Gewebeproben nachweisbar sind, ist es legitim zu fragen, ob und unter welchen Bedingungen solche Bestandteile auch in Blutspenden vorkommen.
Ebenso legitim ist die Frage, ob sie nach Lagerung und Transfusion biologisch relevant bleiben.
Und schließlich wäre eine direkte Untersuchung von Blutspenden wesentlich aussagekräftiger als die Interpretation von VAERS-Meldungen oder einer kleinen Fallserie.
Genau deshalb wäre eine gezielte Studie sinnvoll: Blut von geimpften und ungeimpften Spendern müsste unter kontrollierten Bedingungen auf mRNA, Spike-Protein und gegebenenfalls weitere Bestandteile untersucht werden. Anschließend müssten die Ergebnisse mit den klinischen Verläufen der Empfänger verglichen werden.
Noch gibt es keinen Beweis für eine „kontaminierte Blutversorgung“
Der Begriff „kontaminierte Blutversorgung“ geht nach dem derzeit verfügbaren Datenstand zu weit.
Die Weltgesundheitsorganisation kommt weiterhin zu dem Schluss, dass Empfänger von nicht-lebenden SARS-CoV-2-Impfstoffen grundsätzlich Blut spenden können und dass die verfügbaren Sicherheitsdaten keine besonderen Bedenken hinsichtlich der Blutversorgung erkennen lassen. (Weltgesundheitsorganisation)
Auch aktuelle transfusionsmedizinische Untersuchungen sprechen gegen einen nachgewiesenen generellen Schaden durch Blut von geimpften Spendern. (PubMed Central (PMC))
Gleichzeitig liefern die neuen Preprints eine konkrete Forschungsfrage, die sich relativ eindeutig experimentell beantworten lässt.
Das ist vielleicht der interessanteste Punkt der gesamten Debatte: Man muss nicht entscheiden, ob die neuen Autoren „recht haben“, bevor man ihre Hypothese untersucht.
Zwischen Alarmismus und Verdrängung
Die Behauptung, ungeimpfte Menschen würden durch Bluttransfusionen von Geimpften nachweislich schwer krank, ist derzeit wissenschaftlich nicht belegt.
Ebenso wenig ist aber die Frage erledigt, nur weil bisher große Beobachtungsstudien keinen Zusammenhang gefunden haben.
Die neuen neun Fälle sind klein und anfällig für Zufall, Auswahl- und andere Verzerrungen. Die VAERS-Auswertung kann Signale aufzeigen, aber keine Kausalität beweisen. Die großen Transfusionsstudien sprechen dagegen bislang gegen ein relevantes allgemeines Risiko.
Damit bleibt eine nüchterne Schlussfolgerung:
Die Hypothese ist aufgestellt. Sie ist noch nicht bewiesen. Aber sie lässt sich überprüfen.
Statt die Debatte mit politischen Etiketten zu beenden, wäre es sinnvoller, genau das zu tun, was gute Wissenschaft auszeichnet: messen, vergleichen und reproduzieren.
Wenn sich in Blutspenden tatsächlich biologisch aktive Impfstoffbestandteile in relevanter Konzentration nachweisen lassen, muss die Frage nach deren Bedeutung für Transfusionsempfänger beantwortet werden.
Wenn sich dagegen bei großen, kontrollierten Untersuchungen kein solcher Zusammenhang findet, wäre auch das eine wichtige Antwort.
Der nächste Schritt sollte deshalb nicht mehr Spekulation sein – sondern direkte Untersuchung der Blutspenden selbst.
Und genau diese Untersuchung steht bislang noch aus.



